Claude Starck ist einer der ganz Großen der klassischen Musik. Über drei Jahrzehnte war er Erster Solocellist des Zürcher Tonhalle-Orchesters, ebenso lange Professor an der Musikhochschule Zürich. Auch bei der Sommermusik im Oberen Nagoldtal ist er seit vielen Jahren künstlerischer Leiter.

erschienen im Schwarzwälder Boten am 30.05.2017

Zürich/Nagold. "Denk ich an Nagold, entsteht ein Wohlgefühl", sagt der heute 89-Jährige, der Ende der 1990er-Jahre als deren künstlerischen Leiter zur "Sommermusik im Oberen Nagoldtal" dazustieß. Und seitdem das Festival für den Streicher-Nachwuchs nachhaltig prägte. Als Sohn von Walther Starck, der das Prinzip des Musizierens nach dem Gehör entdeckte und in die Musikpädagogik einführte, konnten die Sommermusiken keinen Besseren für diesen Job finden.

"Mein Vater hatte mir eine Geige zum Spielen gegeben", da war Claude Starck vielleicht vier, fünf Jahre alt. "Die habe ich immer zwischen die Beine genommen", nicht unters Kinn. "Da hat mein Vater verstanden, dass ich Cello spielen wollte." Die Mutter, erzählt der Mann mit den lebhaften schwarzen Augen, der wilden grauen Beethoven-Mähne und dem nach wie vor leicht hörbaren französischen Akzent – die Starcks stammen aus dem Elsaß –, habe noch viel früher bereits an ihn geglaubt. "Die ging hochschwanger von dem kleinen Dorf, in dem wir wohnten, nach Straßburg – zu Fuß – um mich dort zu entbinden." Damit später im Lebenslauf des Sohnes der Name der großen Stadt, nicht des unbekannten Dorfes, als Geburtsort genannt würde. "Meine Mutter glaubte immer an mich. Dass ich ein großer Musiker würde."

Als Fünfjähriger gab der kleine Claude, der nach Claude Debussy seinen Namen erhielt, sein erstes öffentliches Konzert. Die Zeitungskritik von damals schnitt die Mama aus – Sohn Claude besitzt sie heute noch: "Eine große Zukunft wurde mir darin beschieden." Man sieht, spürt den Stolz und das Glück, dass dieser Prophezeiung ein erfülltes Musikerleben folgen sollte. Und wenn sich der große, alte Mann der Musik sein Cello holt, sich zurecht setzt, sein Musikinstrument, ja, liebkost, ahnt man, wie sehr der Eltern Segen von damals das Leben von Claude Starck geprägt hat. "Musik ist die Kunst, die am tiefsten in mich greift und mich packt."

"Einfach ein schönes Instrument"

Das Cello sei, na klar, ein Lustobjekt, erzählt Starck, als er die Haare seines Bogens sanft auf die Saiten aufsetzt. "Es ist eine Erhöhung der Sensibilität. Die Berührung des Instruments – reine Sinnlichkeit." Er habe mal ein rotes Cello besessen, "das war mir viel zu unruhig." Sein aktuelles Cello ist sanft-braun. Keine Berühmtheit, keine teure Stradivari. "Einfach ein schönes Instrument." Heute müsse er mit seinem Cello auch nicht mehr als Solist klanglich "gegen ein großes Orchester ankämpfen." Heute spiele er für sich, kann dabei meditieren, jeden Ton so spielen, wie er will und nicht wie es ein Dirigent fordert. "Musik ist der Genuss der reinen Empfindung." Auch wenn die Finger natürlich nicht mehr so flink seien wie früher.

Und dann entrückt dieser Mann mit seinem Spiel – ein Satz von Bach. Aus dem Gedächtnis, diesem wichtigsten Utensil eines Musikers, wie Starck nachher erläutern wird. In der Musik kämen 95 Prozent der Begabten durch Disziplin zum perfekten Spiel. Die anderen fünf Prozent seien die, die das alles von ganz alleine innehätten. "Aber ohne ein gutes Gedächtnis gibt es kein Genie." Die Tiefe im Wesen eines Musikers, in der sein Wissen über die Musik schlummert. Bis sie im Spiel und in der Virtuosität entfesselt wird. Als Zuhörer ist man augenblicklich gefangen vom Zauber dieser Melodien, des Klangs, der die Sinne vibrieren lässt. Steht voll und ganz unter dem Bann des Magiers.

Für Claude Starck ist sein Cello, seine Musik sicher auch der Jungbrunnen, aus dem er seine ungebrochene Vitalität schöpft.

Jede Sekunde seines Künstlerlebens ist ihm präsent. Ein Leben, das ihn immer wieder auch in den Schwarzwald geführt hat. Erst wurde der Vater vom Elsaß nach Offenburg strafversetzt, dann sollte in diesen Kriegstagen die Schulklasse des Sohnes nach Stuttgart überführt werden.

Der Pennäler Claude aber musste stattdessen in den Spitälern im Umland für Verletzte spielen. "Die Klassenkameraden wurden beim Bombenangriff auf Stuttgart getötet. Ich überlebte." Das Cello habe ihm mehr als einmal das Leben gerettet.

Es darf niemals um blinden Ehrgeiz gehen

Später, viel später als Teil eines erfolgreichen Musikerlebens dann die Sommermusik im Oberen Nagoldtal. Das Nachwuchs-Festival für (hoch)begabte junge Streicher, wie Claude Starck es selbst einmal (genau hier) war. In den Kursen, den Meisterkursen, geht es um diese besondere Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Wie bei ihm einst zwischen Vater und Sohn. Es geht um die Balance, die ein Kind braucht – zwischen der Freiheit, sein ganz eigenes Spiel zu entdecken und zu entwickeln. "Aber doch auch mit dem festen Blick" des Lehrers, mit Bestimmtheit dem Spiel die Richtung zu geben.

"Die Sommermusik ist dieser Rahmen, in dem Kinder und Jugendliche komplett ungezwungen eine neue Sicht auf ihre Musik gewinnen können", sagt der Pädagoge Starck. Ein fruchtbares Biotop mit Gleichgesinnten, "immer eine Zeit voller Musik" und auch damit verbundener Herausforderungen. "Ein ganz eigener Spirit", der zu echter Meisterschaft führen könne. Wobei es aber niemals um blinden Ehrgeiz gehen dürfe. Es sei vielmehr eine "Abenteuerreise durch das Leben." Und die Musik. "Lehrer und Schüler, die gemeinsam die Welt erobern."

Die "Sommermusik im Oberen Nagoldtal" findet in diesem Jahr zum 30. Mal statt. Die Meisterkurse und öffentlichen Konzerte finden vom 1. bis 17. August in Nagold, Wildberg und Calw statt.